• Martin Prost

Generalprobe in der Hölle geglückt



Zwei Mitteldistanzen innerhalb von zwei Wochen aus dem vollen Training heraus. Ob das eine gute Idee ist? Grundsätzlich würde ich es keinem Athleten in seinen Trainingsplan schreiben, aber da noch genügend Zeit für etwas Regeneration bis zur WM in den USA bleibt, konnte ich aus meiner Sicht das Risiko mal eingehen und bin schon zwei Tage vor dem Rennen bei der „Hölle von Q“ mit dem Wohnmobil nach Ditfurt zum Schwimmstart gefahren.

Ich war der erste vor Ort und konnte mir so in aller Ruhe einen Eindruck von Schwimm- und Radstrecke machen und etwas die Beine hochlegen.

Etwas untypisch für eine Mitteldistanz ging es am Sonntag schon um 6:40 Uhr los, aber das frühe Aufstehen macht mir wenig aus und so stand ich überpünktlich und ready to rumble am Ditfurter See.

Auf dem See waren riesige Bojen mit zusätzlichen Lichtern positioniert worden, da man dem aus Nebel vom Vorjahr gelernt hatte.

Es war klares Wetter und wir starteten direkt mit dem Sonnenaufgang. Ich hatte mich entschieden, nicht den Massenstart zu wählen, sondern ging im Rolling Start ein paar Minuten hinter der „Waschmaschine“ ins Rennen. So konnte ich den Prügleien aus dem Weg gehen und fand schneller in meinen eigenen Rhythmus.

Mit einer soliden Zeit von ca. 32 Minuten ging es auf einen schnellen Wechsel zum Rad.

Der Wind der Vortage hatte sich größtenteils auch verzogen und so zeigte die Tachonadel in der ersten Stunde überwiegend ein Tempo von über 40 km/h an. Ich wusste aber, dass sich der Schnitt noch relativieren würde, da wieder über 1400 Höhenmeter auf dem Programm standen.

Durch malerische Landschaften ging es über Allrode nach Friedrichsbrunn und dann ab in die rasante Abfahrt nach Thale. Ich konnte hier etwas mehr Risiko gehen, da ich diesen Teil zwei Tage vorher schon intensiver getestet hatte. Das Tempo ging hoch bis auf knapp 80 km/h und da die Führenden den Berg auch direkt wieder hochfahren mussten, konnte ich ganz gut abschätzen, wie groß die Abstände waren. Ich habe zu diesem Zeitpunkt gut im Rennen gelegen und genoss die Stimmung in Thale. Nun ging es direkt den ca. 10 Kilometer langen Anstieg nach Friedrichsbrunn wieder hoch. Hier wurde ich von ca. 4 Athleten, die sich eher als „Bergziegen“ erwiesen, nach und nach gestellt und sie drückten mir etliche Sekunden auf.

Leider habe ich auf einem sehr unruhigem Teil der Strecke mit Schlaglöchern und Kopfsteinpflaster meine Flasche mit den Kohlenhydraten verloren und musste mich fortan mit Iso und etwas konservativeren Wattleistungen durchboxen.

Zwar konnte ich konstant durchdrücken, aber klar waren die Baustellen identifizierbar:

  1. noch mehr spezifisches Training in der Höhe

  2. Das Systemgewicht (Rad u. Fahrer) muss noch etwas reduziert werden

  3. Verpflegung ist und bleibt „Key“

Nach einer weiteren rasanten Abfahrt nach Thale stellte ich das Rad in der Wechselzone ab und machte mich auf den abschließenden Halbmarathon.

Im Schwimmen und Radfahren hatte ich mich deutlich im Feld nach vorne gearbeitet. Der Abstand nach vorne war bedingt durch den späteren Start dann aber doch zu groß um nochmal Anschluss an die Spitze zu bekommen.

Aber beim Triathlon auf den längeren Distanzen ist es auch mehr der Kampf mit sich selbst und gegen die eigenen Uhr, auf den es ankommt.

Wohlwissend, dass durch die fehlende Kohlenhydrate vom Rad heute der Lauf mit Vorsicht zu genießen sein dürfte, entschied ich mich frühzeitig, in jeder Verpflegungsstelle Gel und Wasser ohne Hektik zu mir zu nehmen und immer wieder in meinem Tempo anzulaufen. Ich war sehr konstant unterwegs und irgendwann habe ich den Blick auf die Uhr einfach vergessen. Am Streckenrand waren die Kilometer jeweils mit einem Metallständer markiert. Da ich aber so im Flow war, habe ich bei Kilometer 13 erst gemerkt, dass die Schilder nur noch die zu absolvierende Strecke markierten. Es waren also nur noch 8 Kilometer bis ins Ziel. Na dann: Ab hier volles Risiko! Das Tempo um die 4:10 min/km stellte sich als gerade noch angenehm für mich raus und so konnte ich auf dem Weg ins Ziel tatsächlich noch den einen oder anderen, der vor mir gestartet war, einkassieren. Kein Einbruch mehr. Selbst auf dem letzen, fiesen Anstieg hoch zum Schlossberg absolute Kontrolle. Runter, durch den Zieltunnel, abklatschen, Uhr ausdrücken.

Und zack: Fast 10 Minuten schneller als im Allgäu trotz der nochmal anspruchsvolleren Radstrecke und dem Lauf mit vielen Höhenmetern. Der Weg, nicht klassisch auf eine Erholungswoche vor dem Wettkampf zu setzen, hat sich für die beiden Tests im Allgäu und im Harz also gelohnt.

Jetzt geht es mit vollem Fokus in die letzten Wochen vor der WM nochmal an die Arbeit.

Hauptsächlich werde ich mich kümmern um:


  • Hitzeadaption (ich werde viel auf der Rolle fahren ohne Ventilator und hohen Temperaturen)

  • Tempohärte im Schwimmen (die Freiwasser-Einheiten müssen größtenteils knackigen Intervallen in der Halle weichen)

  • ein paar Ausflüge in den Harz um weitere Verbesserung am Berg zu erzielen

  • die gute Laufform aufrecht erhalten und durch Rumpfstabilisation, Mobilitäts- und Kraftübungen noch weiter abrunden

Die Generalprobe ist also geglückt.

Mit viel Selbstvertrauen gehe ich in den letzten großen Trainingsblock und freue mich schon jetzt auf USA Teil 2.


Aloha, Martin


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