• Martin Prost

Was der Wind nicht kann, erledigt die Hitze


Du bist im Ziel, wenn Du 3,8 Kilometer geschwommen, 180 Kilometer Rad gefahren und einen Marathon gelaufen bist.

So die Theorie.

In der Praxis hätte der Marathon gestern für mich nur ca. 35 Kilometer lang sein müssen.

Aber fangen wir doch einfach mal vorne an:

Der Wecker klingelte gegen 3:00 Uhr, um ganz in Ruhe alles fertig zu machen - ein kleines Frühstück, die Startnummern-Tattoos anbringen, nochmal alles im Kopf durchgehen und dann mit dem Auto nach St. George, wo die Bus-Shuttle zum Schwimmstart losfahren sollten.

Vor Ort in St. George war zwar schon recht viel los, aber ich konnte direkt einen der Busse schaffen. Der Fahrer hat zwischendurch offensichtlich etwas die Orientierung verloren und mit Blick auf meinen geplanten Schwimmstart um 6:58 Uhr wurde ich mit jeder Minute über dem geplanten 30-Minuten Bus-Transfer etwas nervöser.

Angekommen am Sand Hollow Park waren noch knapp 50 Minuten. Sicherheitshalber hatte ich über Nacht die Luft aus den Reifen gelassen, damit in der Hitze des Vortags nichts platzen konnte. Also noch der Reihe nach: Luft pumpen, Flaschen anbringen, Ernährung verstauen und dann an die obligatorische Warteschlange vorm Dixie-Klo anstellen.

Pünktlich um kurz vor sieben hat das Abenteuer dann seinen Lauf genommen. Ich bin schnell in einen sehr guten Rhythmus gekommen und wurde erfreulicher Weise in keine "Schlägereien" verwickelt. Vom Gefühl dachte ich zwar, sogar noch etwas schneller unterwegs zu sein, aber die Schwimmzeit von 1:04h geht völlig in Ordnung, da in diesem Jahr noch nicht ein einziges Training im Freiwasser stattgefunden hat.

Beim Wechsel aufs Rad habe ich mir etwas Zeit gelassen, um kurz zu checken, ob mir das 15 Grad kalte Wasser so sehr zugesetzt hat, dass ich bei der Bekleidung nochmal nachbessern müsste, aber wir hatten jetzt schon deutlich über 20 Grad, so dass ich mich entschied einfach loszufahren.

Die ersten 90 Minuten auf dem Rad waren teilweise extrem schnell, auch wenn es hier schon einen kleinen Vorgeschmack auf das wellige Profil gab.

Da ich den anschließenden Teil der Strecke im Vorfeld nicht testen konnte, habe ich mich dann aber zunächst wieder etwas konsequenter als in der ersten Stunde an meine Watt-Werte gehalten.

Die erste Runde hoch nach Veyo und zurück an einem Vulkan vorbei hatte kaum Wind und ich merkte, wie die Temperaturen unaufhörlich kletterten.

Ich habe mich verpflegt so gut es ging. Zu kritisieren ist hier, dass es keine klassischen Trinkflaschen an den Verpflegungsstellen gab und die Abwurfzonen für leere Flaschen viel zu kurz gestaltet waren. Dadurch ist unnötig viel Chaos entstanden.

Wieder unten in der Stadt angekommen ging es auf die abschließende Etappe den Snow Canyon hoch. Aus der Proberunde in der letzten Woche wusste ich, dass das hier jetzt für knapp 20-30 Minuten nochmal sehr schwer werden würde. Ganz bewusst habe ich etwas den Druck von der Pedale genommen, weil mir mehr und mehr klar wurde, das der Marathon heute der ultimative End-Boss werden dürfte.

So kam es dann auch, dass ich anders als sonst, nach dem Wechsel in die Laufschuhe erstmal sehr, sehr locker angelaufen bin.

Die Laufstrecke war vom Profil mit knapp 500 Höhenmetern alles andere als einfach und schon zu Beginn ging es nur steil berghoch.

Die Split-Zeiten auf der ersten Runde brachten die Erkenntnis, dass es hier heute nur mit einer ganz konservativen Pace zu bewältigen sein wird.

Die Hitze war inzwischen so krass, das die Zahl der Leute, die kollabierten deutlich zunahm und auch ich musste an jeder Verpflegung alles nehmen was nur irgendwie da war und zusätzlich alles an Eis in den Einteiler reinschaffen, was geht.

Die Motivation, bereits auf der zweiten Laufrunde und damit dem "Heimweg" zu sein funktionierte nur bis ca. Kilometer 35 gut und dann war plötzlich der Stecker gezogen.

Andere Athleten boten mir ihre Hilfe an, da Sie gesehen haben, wie sehr ich mit mir kämpfen musste, wieder aufzustehen.

Ein paar Minuten später wurde ich von Mitarbeitern des Veranstalters angesprochen, ob ich medizinische Hilfe in Anspruch nehmen wolle.

Ich wusste, hiermit wäre das Aus verbunden also schlug ich das Angebot aus.

Ein Redbull und eine Verpflegungsstation später verspürte ich ein leichtes Aufflackern der Lebensgeister, wollte aber noch nicht wieder vom Gehen ins Laufen übergehen.

Inzwischen habe ich den inneren Disput über das Aufgeben oder Weitermachen geklärt, mich natürlich für das Weitermachen entschieden.

Ich muss dazu aber auch sagen, dass das eigentlich an einem normalen Tag unter normalen Bedingungen nicht vernünftig gewesen wäre, aber es gibt zwei Punkte, die mich nicht haben aufgeben lassen:

Ich war hier bei einer Weltmeisterschaft und eine Qualifikation hierfür wird mir eventuell (mit Ausnahme der Mitteldistanz-WM im Oktober) nicht nochmal gelingen.

Und dann gab es auch einen weiteren Grund:

Ich wusste zu jeder Zeit, wer Zuhause alles vorm TV sitzt oder mich im App-Tracker verfolgt und da ich hier alleine unterwegs war, wollte ich nicht, dass viele Menschen mit Fragezeichen vor ihren Geräten sitzen, weil Sie nicht wissen, was mit mir los ist und ich mich im Grunde nur mit einem Finish eine Art Lebenszeichen nach Deutschland senden konnte.

Klar ist auch, man macht das in erster Linie für sich selbst, da man eben kein Profi ist, aber man möchte der Rolle, das man andere hin und wieder mit seiner etwas verrückten Leidenschaft inspiriert, auch gerecht werden.

Dabei geht es nicht immer nur um Bestzeiten, manchmal kämpft man gegen ganz andere Umstände als die Uhr.

Hier waren das die krassen Bedingungen: Vom eiskalten Schwimmen über das Höhenprofil beim Radfahren bis hin zum Laufen in der Hitze am Berg.

Diese Weltmeisterschaft hat sich Ihren Namen im wahrsten Sinne des Wortes verdient und ich bin froh ein Teil davon gewesen zu sein.

Inzwischen existieren in meiner Sammlung viele Medaillen, aber die hier wird immer mit einer ganz eigenen Geschichte und persönlichen Erfahrungen im Grenzbereich verbunden sein.

Jetzt geht es in ein paar Stunden endlich wieder über den großen Teich zurück nach Hause. Ganz sicher mit ein paar lockeren Tagen im Hinblick auf sportliche Aktivitäten. Aber gewiss ist auch:

St. George wir sehen uns wieder. Und dann braucht es mehr als Eiswasser, Wind und Wüsten-Hitze, um mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben.

Hin und wieder denkt man nach einem Ironman: "Das war das letzte Mal!"

Keine 24 Stunden nach dem Erreichen des Ziels bin ich überzeugt:


"Jetzt fängt es erst an - Kumukahi!"

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